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Versprechen und Verlust in der Arbeit "EXILS" von Ulrike Weiss

(Sarah Dornhof, FU Berlin)

Fragmente halbtransparenter , von der Zeit gezeichneter Fotografien bewegen sich über eine verblasste Aufnahme der kargen steinigen Landschaft des Sinai. Die schwarz-weßen Fotofragmente zeigen Gesichter von jüdischen Berberfrauen, die dunklen Augen stolz und erwartungsvoll nach vorn gerichtet, geschmückt mit großen Ketten, Armreifen und Ohrgehängen, die Haare mit Tüchern nach hinten gebunden.

Getragen vom Gesang eines jüdisch-arabischen Kinderliedes schweben die Gesichter ins Bild, gleiten durch die steinige Landschaft und entschwinden am Horizont. Die Reihe der Fotographien ist einen Moment unterbrochen von der Zeichnung eines idealisierten Frauenbildes , hellhäutig, elegant, die Haare kunstvoll um das feine Gesicht herum frisiert. Es folgen weitere Gesichter jüdischer Marokkanerinnen, abgelöst von Fragmenten, die Hände zeigen, Arme in breiten Armreifen, Details von Schmuckstücken, die wie alle anderen Bilder im Hintergrund entschwinden. Geräusche von klirrendem, schepperndem Metall überlagern die Melodie und gehen über in den gleichmäßigen Rhythmus des Herzschlags. Transparente Bilderfragmente fliegen in entgegengesetzter Richtung auf den Betrachter zu. Sie zeigen Hände: Kinderhände, die einen Drahtzaun umklammern, Frauenhände, die ein Kind in Rettungsfolie hüllen; Hände, die ein Baby halten, hilfesuchende Hände eines schreienden Kindes. Es sind aktuelle Medienbilder von Flüchtenden auf dem Weg nach Europa. Am Ende steht das Bild vom Sinai, die karge Landschaft, der steinige Weg durch Berge, der sich am Horizont verliert.

Dieses Video "EXILS: Disparaître - Apparaître" (2016) ist eine der Arbeiten von Ulrike Weiss, die sich im Rahmen der Ausstellung "EXILS" mit dem Exodus eines großen Teils der marokkanischen Juden nach Israel in den 1960er Jahren beschäftigt, nicht ohne diese Migration im weiteren Zusammenhang heutiger Migrationsbewegungen zu sehen.

Der Sinai, diese raue, unwirtliche Landschaft, die prototypisch für karge , bergige Gegenden in Iran, Irak, der Türkei, Afghanistan und vielen anderen Regionen steht, ist in ihren Arbeiten ein Sinnbild für einen Ort des Duchngangs, der Passage, des Rückzugs, der Flucht, des Versprechens und der Erwartung. Es ist ein Durchgangsort, der mit Hoffnungen auf Frieden, Sicherheit und ein besseres Leben verbunden ist, mit Wünschen und Träumen, aber mit Angst, Verzweiflung und Ausweglosigkeit. Diese Ambivalenz von Hoffnung und Schwierigkeit, von Vertrauen und Verlust steht am Ausgangspunkt der Arbeiten von Ulrike Weiss. Sie führt sie zu der Frage, warum Menschen ihr Land verlassen, was sie dazu bewegen kann, ihre kulturelle und soziale Verankerung aufzugeben und sich vom Versprechen einer goldenen Zukunft leiten zu lassen.

Das Foto des Sinai, diese karge Mondlandschaft, durchzieht ein goldener schmaler Pfad, der zu einem goldfarbenen Horizont hin führt  - golden, wie auf mittelalterlichen Gemälden der Himmel, als Symbolik göttlicher Versprechung und Wunschvorstellung, des versprochenen Paradieses und gelobten Landes.

Was aber geht verloren, wenn eine ganze Bevölkerungsgruppe ihr Land verläßt? Mit den Menschen, Familien, Nachbarn und Freunden geht auch ein Teil der Tradition, des Wissens, der Fertigkeiten und der Erinnerung verloren. Mit der jüdischen Landbevölkerung, die in den 1960ern Marokko verlassen hat, um dem Ruf der israelischen Regierung ins gelobte Land zu folgen, gingen auch jahrhundertealte Traditionen und Fertigkeiten in der Metallverarbeitung, Schmuckherstellung und Textilarbeit verloren, die wesentlicher Bestandteil marokkanischer Kultur und Handwerksttradition bildeten. Dieser Verlust von handwerklichen Fertigkeiten ist eines der zentralen Themen in den Arbeiten von Ulrike Weiss, vor alem im Zusammenhang mit dem alltäglichen Leben von Frauen. Sie geht Fotographien nach, die weder direkt die traditionellen Arbeitsweisen noch den Verlust von Wissen dokumentieren, sondern vielmehr gewöhnliche Gruppen- und Porträtsaufnahmen sind, die sich heute im Musée d´art et d´histoire du Judaisme in Paris finden. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts dienten viele dieser Aufnahmen als Motive für Postkarten. In den Arbeiten von Ulrike Weiss werden sie zu Momentaufnahmen eines Lebens, das in der Geschichtsschreibung Marokkos und den kollektiven Erinnerungen kaum Bilder und Erzählungen hinterlassen hat.

Was erzählen die Gesichter, die Hände, der Schmuck, die Kleidung dieser Frauen, deren Fotographien heute vereinzelt in privaten Sammlungen und im Archiv des Musée du Judaisme in Paris zu finden sind? Was erzählen sie von den Lebensbedingungen der Frauen, ihrem sozialen Status, ihrem Selbstbild als marokkanische Juden? Was mag diese Menschen bewegt haben, nach der Unabhängigkeit Marokkos und der Staastgründung Israels alles Vertraute hinter sich zu lassen und dem Ruf ins Unbekannte zu folgen?

In den Bildern von Ulrike Weiss treten Details in den Mittelpunkt, die das Spannungsverhältnis von Arbeit , sozialem Alltag und dem Versprechen nach einer besseren Zukunft gegenwärtig machen. Das weit vergrößerte Detail von Händen, die an der Stickerei eines festlichen Stoffes arbeiten, der sich in strahlendem Weiß von dem goldenen Hintergrund absetzt, verleiht der Arbeit etwas Erhabenes, während die dunklen, von der Zeit gezeichneten Hände zugleich ein Bild von den Mühen und Härten dieser Arbeit vermitteln.

Ein weiteres Bild lenkt den Blick auf die Hand einer jungen Frau, die zur Faust geballt ist, auffällig groß und wirkt und dabei von Schmuck und Stoffen spielerisch umrahmt ist. In der Collage steht die Hand im Kontrast zu den verblaßten , entschwindenden Farben und Konturen des Gesichts und des Oberkörpers der Frau ebenso wie zu ihrem teils in schwarzer Tusche übermalten Rock. Diese schroffen Kontraste sind gleichzeitig abgeschwächt und vermittelt durch ein Netz von Linien und Flächen, die das Muster des Kleidungsstoffes und des Schmucks, der Armreifen und der großen Kette, aufgreifen und weiterführen. Zwischen den dunklen breiten Flächen im unteren Teil des Bildes und den immer zarter werdenenden Mustern, die sich in der verblaßten Aufnahme des Gesichts verlieren, wirkt die Hand kraftvoll, entschlossen, kämpferisch, als könne sie Dinge anpacken und zusammenhalten; sie steht zwischen dem Entschwinden, an dessen Horizont Vergessen und Verlust drohen, und dem Unbestimmten, der noch formlosen Materie, die durch Arbeit und Kreativität Formen anzunehmen vermag.

Die Muster und wiederkehrenden Patterns, mit denen Ulrike Weiss die alten Fotos überschreibt, so daß sie Hände und Gesichter umkreisen und sich mit dem Schmuck der Frauen verbinden, dienen dazu, Brüche zu verschleiern und Übergänge unsichtbar zu machen. Sie führen von einem zum anderen und überbrücken dabei schroffe Kontraste; sie überdecken große Brüche mit einer endlosen Reihe kleiner Veränderungen. Ornamentale Muster winden sich nicht nur um Hände, Gesichter und Schmuckstücke, sie verbinden auch verschiedene Ebenen des Sichtbaren und Übergänge.

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„Pensées entre les vagues“ (2006): Ein dunkler Gewölberaum. Auf dem Boden eine wolkenbettartige Ansammlung scheinbar herkömmlicher Plastikfetzen. Bei näherem Hinsehen formiert sich diese jedoch zu einem Meer kleiner Boote, die in das illuminierte Kuppelgewölbe emporzusteigen, sich in ihrer Bewegung jedoch gleichsam wieder zu entmaterialisieren scheinen. Während ihr Schatten schemenhaft ein bewegtes Nachbild ihrer Selbst auf die Wände zeichnet. Es ist schwer zu sagen, ob die aufgrund ihrer materiellen Transparenz fragilen Objekte oder aber ihre Schatten unserer visuellen Wahrnehmung körperhafter und somit realer, näher an der Wirklichkeit erscheinen. 

Das Setting erinnert an Platons Höhlengleichnis, in welchem das Verhältnis bzw. die Diskrepanz zwischen Wahrnehmung, Bild und Wirklichkeit thematisiert wird. Darin deuten die in einer dunklen Höhle lebenden Menschen die sich an der Wand abzeichnenden Schatten durch den Raum getragener Dinge als real, obgleich es sich dabei um bloße Reflektionen handelt und die Dinge selbst wiederum nurmehr (Abb-)Bilder derselben außerhalb der Höhle darstellen.

 

Pensées entre les vagues, 2006, Zeichnung auf Folie, Perlonfaden, Alu-Folie, Ventilator, 740 x 430 x 270cm


In gewisser Weise geht es Ulrike Weiss um diesen Spannungsbogen, der in atmosphärische, poetische Arbeiten mündet, innerhalb derer Bilder generiert, Bedeutungen verschoben sowie Brüche in der Bildsprache erzeugt werden. Seit Jahren bewegt sich in und zwischen zwei text- und bildsprachlich unterschiedlich geprägten Kulturen: Islam und Christentum, Orient und Okzident. Die Auseinandersetzung mit der arabischen Kultur hat ihre künstlerische Arbeit nachhaltig geprägt. So fließen in Zeichnungen und Collagen orientalische Bilder und Motive ebenso selbstverständlich ein wie sich landestypische Alltagsgegenstände in Objekten und rauminstallativen Arbeiten wieder finden. Ulrike Weiss Arbeiten speisen sich aus dem sie unmittelbar umgebenden Kontext und kehren immer wieder auch dorthin zurück, gekennzeichnet durch eine Verankerung im Hier und Jetzt einerseits und der gleichzeitigen Verweigerung einer eindeutigen Verortung andererseits.

Zarte Zeichnungen fragiler Gestalten, schemenhafte Gebilde – allesamt mehr Erscheinung denn Körper. In scheinbar unablässiger Folge gebiert der zeichnerische Strich ein und dieselbe Figur, auf dem Papier, an der Wand. Schablonenhaft wird diese in ihrer Repetition zur Form, wird Form zur Funktion, indem sich die ehemals inhaltliche Narrativität in eine serielle Formalität ein-, gleichsam jedoch auch wieder davon ablöst. Es ist das serielle Arbeiten, das von Beginn an die künstlerische Arbeit von Ulrike Weiss prägte – ob in Rauminstallationen, in denen sich ein bestimmter Gegenstand wiederholte, oder Zeichnungen, innerhalb derer ein singuläres Motiv wiederkehrend auftauchte. Die Beschäftigung mit dem Ornamentalen in der marokkanischen Alltagsästhetik führte für Ulrike Weiss zu einem Ankommen in einer Bildsprache, in welcher sich in gewisser Weise Materialität zugunsten des Immateriellen einlöst. Dies passiert in dem Moment, in dem sich Bilder durch ihre Wiederholung in gewisser Weise selbst aufheben, sich die Materialität einer abgebildeten Wirklichkeit durch Repetition gewissermaßen selbst transzendiert.

Bilder als Reflektionen von Wirklichkeit, die auf Imagination derselben angelegt sind, stehen in Kontrast zum Ornament, das in gewisser Weise die Loslösung aus einer raum-zeitlich bedingten Wirklichkeit bedeutet.

Rosa C., 2008, Tusche und Farbstift auf Japanpapier, 350 x 180cm


"Dein Bildnis wird zerstört werden", 2009:
Horizontal und vertikal Stoß an Stoß angeordnete weibliche en face-Porträts. Die physiognomische Ähnlichkeit wird durch die ausdruckslosen Gesichter und die Wiederholung einzelner Motive ebenso verstärkt wie durch die monochromatische Färbung der Blätter. Darüber, ein Bildteppich aus einem Potpourri ornamentaler und floraler Motive, aus menschlichen Gesichtern. Die sich über die Ränder der Fotocollage hinweg rankende Zeichnung, welche die Gesichter einerseits verdeckt, zerstört, greift das Porträt-Motiv als solches jedoch zugleich wieder auf und führt es fort, so als wolle sie die Bilder vor dem Verschwinden bewahren. Endlichkeit, Vergänglichkeit, Einzigartigkeit. Das Porträt: Sinnbild für diese Begrifflichkeiten. Und doch scheint es sich hier und jetzt regelrecht dieser zu entheben, eine Art Kanon anstimmend, dessen Melodie stets aufs Neue erklingt.


„Und was die Mitte bringt, ist offenbar
Das, was zu Ende bleibt und Anfangs war." (aus: Johann Wolfgang Goethe, West-östlicher Divan,1819)

// Pensées entre les vagues,  2006 :  a dark succession of vaulted rooms.  On the ground, a nebulous mass of seemingly ordinary pieces of plastic which, at a closer look, develops into a sea of small boats apparently drifting toward the illuminated vault and somehow dematerializing during their ascent. Their shadow casts on the wall a faintly outlined drifting replica. It is difficult to say which - of the materially fragile and transparent objects or their shadow - has a more bodily and therefore real aspect, closer to reality.

This setting recalls the allegory of Plato’s cave focused on the link or divergence between perception, representation and reality. For humans held in a dark cave, the shadow cast on the wall of objects drifting through space is interpreted as reality whereas it is only a reflection; what they see is nothing but the representation of objects located outside the cave.
In a way, Ulrike Weiss’s purpose is to grasp this line of tension leading to aerial poetic works     which generate images, slanted ideas and flaws in the visual language. For many years, the artist has been spending part of her time in Morocco – working on artistic projects in an incessant journey between two cultures with dissimilar textual and visual backgrounds: Islam and Christianity, East and West. Her (critical) reflection on Arabic culture has strongly influenced her artistic work.  Oriental images and patterns blur into her drawings and collages as naturally as traditional daily items fit into her objects and installations. Her work is nurtured by the immediate context, where it constantly returns – it is anchored in the present and in the simultaneous refusal of an explicit positioning.


Delicate drawings of fragile figures, shapes with faint outlines – appearances rather than bodies.  In a seemingly endless series, the drawing line sketches the same pattern on the paper, on the wall. In this repetition, not unlike a stencil, the figure becomes form and the form becomes function inasmuch as the content, formerly narrative, changes into a serial formality, although withdrawing from it. This serial principle has characterized Ulrike Weiss’s works from the beginning – whether in her installations where a peculiar object repeats itself or in her drawings showing an indefinitely repeated singular pattern. Because of her interest in the ornamental aspect of Moroccan daily life aesthetics, she has taken on a visual language where materiality is somehow erased and turned into immateriality. This occurs precisely when, through repetition, images practically obliterate one another and the materiality of a representation of reality transcends itself through repetition.
The images – reflection of reality and means of imagining reality – are in total contrast to the ornament which, in a way, is nothing else but withdrawal from a reality dependent on space and time.


Dein Bildnis wird zerstört werden, 2009:
Women’s portraits indefinitely repeated, horizontally and vertically arranged, joined edge to edge. The physiognomic similarity is strengthened by the inexpressiveness of faces and the repetition of specific patterns as well as by the monochrome shade of the sheets.  Above them,  a mat of images mixing ornamental and floral patterns and human faces.  A drawing infringing on the sides of the photographic collage partially hides the faces, destroys them but at the same time recaptures the portrait’s pattern as such and extends it as if to save the images from oblivion. Finitude, evanescence, uniqueness – portrait as symbol of these concepts. And yet it seems to part with them now, in a canon whose melody echoes again and again.
And what the middle brings
We clearly see is what the opening was, the end shall be.*


*From The West-Eastern  Diwan – Johann Wolfgang Goethe, 1819


 

Silke Bitzer