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„Pensées entre les vagues“, 2006: Ein dunkler Gewölberaum. Auf dem Boden eine wolkenbettartige Ansammlung scheinbar herkömmlicher Plastikfetzen. Bei näherem Hinsehen formiert sich diese jedoch zu einem Meer kleiner Boote, die in das illuminierte Kuppelgewölbe emporzusteigen, sich in ihrer Bewegung jedoch gleichsam wieder zu entmaterialisieren scheinen. Während ihr Schatten schemenhaft ein bewegtes Nachbild ihrer Selbst auf die Wände zeichnet. Es ist schwer zu sagen, ob die aufgrund ihrer materiellen Transparenz fragilen Objekte oder aber ihre Schatten unserer visuellen Wahrnehmung körperhafter und somit realer, näher an der Wirklichkeit erscheinen. 

Das Setting erinnert an Platons Höhlengleichnis, in welchem das Verhältnis bzw. die Diskrepanz zwischen Wahrnehmung, Bild und Wirklichkeit thematisiert wird. Darin deuten die in einer dunklen Höhle lebenden Menschen die sich an der Wand abzeichnenden Schatten durch den Raum getragener Dinge als real, obgleich es sich dabei um bloße Reflektionen handelt und die Dinge selbst wiederum nurmehr (Abb-)Bilder derselben außerhalb der Höhle darstellen.

 

Pensées entre les vagues, 2006, Zeichnung auf Folie, Perlonfaden, Alu-Folie, Ventilator, 740 x 430 x 270cm


In gewisser Weise geht es Ulrike Weiss um diesen Spannungsbogen, der in atmosphärische, poetische Arbeiten mündet, innerhalb derer Bilder generiert, Bedeutungen verschoben sowie Brüche in der Bildsprache erzeugt werden. Seit Jahren bewegt sich in und zwischen zwei text- und bildsprachlich unterschiedlich geprägten Kulturen: Islam und Christentum, Orient und Okzident. Die Auseinandersetzung mit der arabischen Kultur hat ihre künstlerische Arbeit nachhaltig geprägt. So fließen in Zeichnungen und Collagen orientalische Bilder und Motive ebenso selbstverständlich ein wie sich landestypische Alltagsgegenstände in Objekten und rauminstallativen Arbeiten wieder finden. Ulrike Weiss Arbeiten speisen sich aus dem sie unmittelbar umgebenden Kontext und kehren immer wieder auch dorthin zurück, gekennzeichnet durch eine Verankerung im Hier und Jetzt einerseits und der gleichzeitigen Verweigerung einer eindeutigen Verortung andererseits.

Zarte Zeichnungen fragiler Gestalten, schemenhafte Gebilde – allesamt mehr Erscheinung denn Körper. In scheinbar unablässiger Folge gebiert der zeichnerische Strich ein und dieselbe Figur, auf dem Papier, an der Wand. Schablonenhaft wird diese in ihrer Repetition zur Form, wird Form zur Funktion, indem sich die ehemals inhaltliche Narrativität in eine serielle Formalität ein-, gleichsam jedoch auch wieder davon ablöst. Es ist das serielle Arbeiten, das von Beginn an die künstlerische Arbeit von Ulrike Weiss prägte – ob in Rauminstallationen, in denen sich ein bestimmter Gegenstand wiederholte, oder Zeichnungen, innerhalb derer ein singuläres Motiv wiederkehrend auftauchte. Die Beschäftigung mit dem Ornamentalen in der marokkanischen Alltagsästhetik führte für Ulrike Weiss zu einem Ankommen in einer Bildsprache, in welcher sich in gewisser Weise Materialität zugunsten des Immateriellen einlöst. Dies passiert in dem Moment, in dem sich Bilder durch ihre Wiederholung in gewisser Weise selbst aufheben, sich die Materialität einer abgebildeten Wirklichkeit durch Repetition gewissermaßen selbst transzendiert.

Bilder als Reflektionen von Wirklichkeit, die auf Imagination derselben angelegt sind, stehen in Kontrast zum Ornament, das in gewisser Weise die Loslösung aus einer raum-zeitlich bedingten Wirklichkeit bedeutet.

Rosa C., 2008, Tusche und Farbstift auf Japanpapier, 350 x 180cm


"Dein Bildnis wird zerstört werden", 2009:
Horizontal und vertikal Stoß an Stoß angeordnete weibliche en face-Porträts. Die physiognomische Ähnlichkeit wird durch die ausdruckslosen Gesichter und die Wiederholung einzelner Motive ebenso verstärkt wie durch die monochromatische Färbung der Blätter. Darüber, ein Bildteppich aus einem Potpourri ornamentaler und floraler Motive, aus menschlichen Gesichtern. Die sich über die Ränder der Fotocollage hinweg rankende Zeichnung, welche die Gesichter einerseits verdeckt, zerstört, greift das Porträt-Motiv als solches jedoch zugleich wieder auf und führt es fort, so als wolle sie die Bilder vor dem Verschwinden bewahren. Endlichkeit, Vergänglichkeit, Einzigartigkeit. Das Porträt: Sinnbild für diese Begrifflichkeiten. Und doch scheint es sich hier und jetzt regelrecht dieser zu entheben, eine Art Kanon anstimmend, dessen Melodie stets aufs Neue erklingt.


„Und was die Mitte bringt, ist offenbar
Das, was zu Ende bleibt und Anfangs war." (aus: Johann Wolfgang Goethe, West-östlicher Divan,1819)

// Pensées entre les vagues,  2006 :  a dark succession of vaulted rooms.  On the ground, a nebulous mass of seemingly ordinary pieces of plastic which, at a closer look, develops into a sea of small boats apparently drifting toward the illuminated vault and somehow dematerializing during their ascent. Their shadow casts on the wall a faintly outlined drifting replica. It is difficult to say which - of the materially fragile and transparent objects or their shadow - has a more bodily and therefore real aspect, closer to reality.

This setting recalls the allegory of Plato’s cave focused on the link or divergence between perception, representation and reality. For humans held in a dark cave, the shadow cast on the wall of objects drifting through space is interpreted as reality whereas it is only a reflection; what they see is nothing but the representation of objects located outside the cave.
In a way, Ulrike Weiss’s purpose is to grasp this line of tension leading to aerial poetic works     which generate images, slanted ideas and flaws in the visual language. For many years, the artist has been spending part of her time in Morocco – working on artistic projects in an incessant journey between two cultures with dissimilar textual and visual backgrounds: Islam and Christianity, East and West. Her (critical) reflection on Arabic culture has strongly influenced her artistic work.  Oriental images and patterns blur into her drawings and collages as naturally as traditional daily items fit into her objects and installations. Her work is nurtured by the immediate context, where it constantly returns – it is anchored in the present and in the simultaneous refusal of an explicit positioning.


Delicate drawings of fragile figures, shapes with faint outlines – appearances rather than bodies.  In a seemingly endless series, the drawing line sketches the same pattern on the paper, on the wall. In this repetition, not unlike a stencil, the figure becomes form and the form becomes function inasmuch as the content, formerly narrative, changes into a serial formality, although withdrawing from it. This serial principle has characterized Ulrike Weiss’s works from the beginning – whether in her installations where a peculiar object repeats itself or in her drawings showing an indefinitely repeated singular pattern. Because of her interest in the ornamental aspect of Moroccan daily life aesthetics, she has taken on a visual language where materiality is somehow erased and turned into immateriality. This occurs precisely when, through repetition, images practically obliterate one another and the materiality of a representation of reality transcends itself through repetition.
The images – reflection of reality and means of imagining reality – are in total contrast to the ornament which, in a way, is nothing else but withdrawal from a reality dependent on space and time.


Dein Bildnis wird zerstört werden, 2009:
Women’s portraits indefinitely repeated, horizontally and vertically arranged, joined edge to edge. The physiognomic similarity is strengthened by the inexpressiveness of faces and the repetition of specific patterns as well as by the monochrome shade of the sheets.  Above them,  a mat of images mixing ornamental and floral patterns and human faces.  A drawing infringing on the sides of the photographic collage partially hides the faces, destroys them but at the same time recaptures the portrait’s pattern as such and extends it as if to save the images from oblivion. Finitude, evanescence, uniqueness – portrait as symbol of these concepts. And yet it seems to part with them now, in a canon whose melody echoes again and again.
And what the middle brings
We clearly see is what the opening was, the end shall be.*


*From The West-Eastern  Diwan – Johann Wolfgang Goethe, 1819


 

Silke Bitzer